von Dan Codre, Rumänien

Der Prozess hat bisher dreiundzwanzig Jahre gedauert. Ich würde sagen, dass wir die vorherige Demokratie zurückerhalten haben, ist jedoch eine Lüge. Ohne eine Tradition im Sinne der Demokratie machen wir keinen Fehler, wenn wir sagen, dass wir erst jetzt als Volk diese für uns neue Form der Regierung kennengelernt haben. Nach 50 Jahren Kommunismus und mehreren Jahrhunderten im Dunkeln lernte das rumänische Volk erst jetzt, was hinter dem Wort Demokratie versteckt war. Anfang September 2013 weckten zwei Nachrichten unbewusste Energien im Rumänien. Wie nie zuvor gingen die Menschen auf die Straßen. Ohne einen Politiker unter sich, ohne einen echten Anführer, nur das Volk: junge Leute, Intellektuelle, Künstler, alle waren da.

Zuerst ging es um das Gold, die größte Goldmine Europas. Nach einer 16 Jahre langen Wartezeit hat die rumänische Regierung Ende August zugestimmt mit der Goldgewinnung in Rosia Montană zu beginnen. Ein paar Tage später, erst in Bukarest und dann auch in anderen Städten, gingen die Menschen auf die Straßen um sich dagegen zu wehren.

Überraschenderweise funktionierten die Demonstrationen. Erst sind das Parlament und dann der Premierminister einen Schritt zurückgegangen. In der Zwischenzeit haben auch die Menschen in Rosia Montană angefangen zu demonstrieren. Während die Demonstranten in den Städten das Projekt kritisch einschätzten, sahen die Menschen auf dem Land das Projekt genau gegenteilig. Auch wenn die Gefahr bestünde, dass sie innerhalb der nächsten 20 Jahre umziehen müssten, verlangten sie jetzt Arbeitsplätze. Während sich in den Städten die Zahl der Demonstranten erhöhte, schlossen sich Minenarbeiter in Rosia Montană für eine Woche unter der Erde ein und verlangten von der Regierung Arbeit.

Dann kamen die Hunde. Am 2. September 2013 haben streunende Hunde in Bukarest seit 2006 ein zweites Opfer hervorgebracht. Damals war es ein Japaner, jetzt wurde ein vierjähriges Kind getötet. Genauso wie die bei der Kontroverse um die Goldminen waren die Ansichten geteilt, wie dies die unterschiedlichen Reaktionen auf den Plan die Hunde loszuwerden zeigten.

Auf der einen Seiten gab es die Menschen, die die Hunde von der Straße entfernen wollten, obwohl es bedeutete, dass die Hunde systemstisch getötet werden müssen. Auf der anderen Seite gab es die Menschen, die sagten, dass die Tiere keinerlei Schuld hätten und es eine Lösung geben müsse, obwohl sie viel Zeit und viel Geld kosten würde. Auch dieses Mal waren beide Seiten auf der Straße, aber ohne Gewalt und die Politiker konnten diesmal wieder nicht wegschauen.

Viel wichtiger als die Resultate: Das rumänische Volk hat endlich gelernt, dass es eine Stimme hat. Dass die Personen, die das Land regieren, nichts anderes sind als ihre Repräsentanten und dass sie in einem kritischen Moment die Stimme des Volkes hören müssen. Unterdrückt durch das kommunistische Regime schien die öffentliche Stimme nur teilweise nach dem Umbruch 1989. Der Moment im September 2013, in dem die Menschen auf die Straßen gingen und demonstrierten, war keine Premiere. Bisher wurden die Menschen aufgefordert auf die Straße zu gehen, nun kamen sie aus freien Stücken und organisierten sich selbständig. Viel besser ist jetzt, dass es nun um die Ideen und nicht wie damals um die Muskelkraft ging.

Der nächste Schritt sind die Wahlen. Ohne eine demokratische Tradition im Hintergrund und ohne Bildung, was Demokratie heißt, war das rumänische Volk schwach als es die Macht in seiner Hand hatte. Enttäuscht von denen, die man gewählt hatte, kamen die Rumänen in den letzten zwanzig Jahren immer weniger zur Wahl und Politik ist ein uninteressantes Thema geworden. Wen wähle ich? Das ist die Frage, die alle Rumänen beschäftigt. Mit dieser Frage im Kopf ist es kein Wunder, dass die Wahlbeteiligung so gering ist und dass die gewählten Politiker von nur 30 bis 40 Prozent der Wähler gewählt werden. Nicht einmal die, die wählen wissen, wieso sie wählen gehen sollen. Die Abgeordneten versprechen im Wahlkampf Dinge, die gar nicht in ihren Aufgabenbereich fallen und die Kandidaten für den Präsidenten sprechen über Reformen, die nicht vom Präsidenten realisiert werden können.

Der Beitritt in die Europaische Union hat nicht so viel an der Vision des rumänischen Volkes geändert. Die Medien in Rumänien sind mehr mit internen Problemen und Politikerstreits beschäftigt und sie berichten nur wenig darüber, was im Ausland passiert. Unter diesen Umständen existieren die Modelle praktisch nicht und die Evolution ist sehr langsam. Eine Generation nach dem Umbruch des Kommunismus ist der zivile Geist kaum spürbar im Bewusstsein des Volkes und die, die Initiative ergreifen, werden immer noch als Rebellen betrachtet.

Es gibt aber Hoffnung und die Proteste in diesem Herbst sind ein Beweis dafür. Nach langer Zeit haben zwei Themen die Bevölkerung aufgeweckt und sie aus der Gleichgültigkeit befreit. Auf einmal hat Politik wieder einen Sinn. Der nächste Schritt ist zwar klein, aber entscheidend. Die Politiker, die Entscheidungen treffen, sind vom Volk gewählt und wenn wir wollen, dass es weiter geht, müssen wir aufmerksamer wählen. Von hier kommt die Macht des Volkes. Von hier kam die Macht aller Völker und auch da steht die Macht des rumänischen Volkes.


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